Pressestimmen zur Show 'VARIETÉ IN BILDERN - Die Welt von Otto Dix'

Frivoles aus und in unsicheren Zeiten

Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 28.03.2023

Dramaturgisch ist sie ein großer Wurf, Urs Jäckles neue Show fürs Leipziger Krystallpalast Varieté. (…) Die Bilder-Show kommt zunächst nicht in die Gänge. An der Konstruktion liegt es nicht. Die ist tatsächlich anders als genial kaum zu nennen: Da stellen Akrobatinnen und Akrobaten sattsam bekannte Bilder einschlägiger Sujets des großen Otto Dix aus den 20ern nach. (…) 

Das wirkt zu Beginn ein wenig gesucht. Weil ausgerechnet aus dem Hauptwerk des Abends, dem berühmten Großstadt-Triptychon von 1928, die dramaturgisch plausibelste, aber akrobatisch am wenigsten überzeugende Darbietung des Abends erwächst. (…)

Die erste echte Nummer schält sich aus dem nächsten Bild heraus: „Mieze abends im Café“ von 1923. Julia Wutte aus Österreich leitet zahme Kontorsion aus diesem Halbwelt-Bild ab. Vorzuwerfen ist dem nichts. Aber der Funke mag nicht überspringen. Anders als bei ihrer zweiten Nummer. Da schwebt und tanzt sie elfenhaft im Trapez, (…) Kraft und Leichtigkeit im vollkommenen Ebenmaß. Das beweist: Julia Wutte ist eine exzellente Akrobatin, aber sie und Dix‘ Mieze finden nicht recht zusammen. (…)

 Auch Samaki aus Italien, (…) bleibt als „Frau mit rotem Hut“ farblos. Man kann dies aber auch anders sehen. Als Voraussetzung nämlich für die Steigerungs-Dramaturgie, die noch jede gute Show im Krystallpalast Varieté auszeichnete. Und tatsächlich packt auch „Die Welt von Otto Dix“ die Zuschauerin und den Zuschauer mit jeder Nummer ein wenig fester bei der Gurgel. Der Franzose Staath beispielsweise, (…) als Dix-Matrose gewinnt er bei aller absurden Kraftmeierei unvergleichliche Leichtigkeit und Poesie. Die zeichnen auch die Hula-Hoop- Nummer aus, mit der Leo Garbo aus Deutschland den Gipfel des neuen Programms markiert. Herausgelöst aus dem berühmten „Bildnis der Anita Berber“ beschwört er lüstern und elegant, schwebend und ironisch die flexible Körperlichkeit der Goldenen 20er herauf. (…) 

Sehr viel handfester ist die Faszination, die von Naomi Brenkman und Ottavio Gesmundo aus den Niederlanden und den USA ausgeht. Jedenfalls, wenn sie sich ganz klassisch mit der Armbrust gegenseitig Spielkarten, Ballons, oder Herzen vor der Brustoder neben der Nase abschießen. „Verächter des Todes“ heißt Dix‘ Bild, auf das sie am Ende der ersten Halbzeit anspielen. (…) 

Einer von dessen Höhepunkten ist Monsieur Chapeau alias Jean-Pierre Ehrenreich aus Deutschland. Auf bis zu fünf Rollen balanciert er, holpert er, albert er souverän auf den Spuren von Otto Dix‘ „An die Schönheit“ von 1922. Zusammengehalten wird das Programm mehr noch als von Dix‘ Bildern von der Live-Musik, für die die wunderbare Stine Fischer von der Band „Roter Salon“ begleitet wird. (…) Die Kapelle kleidet Musik aus acht Jahrzehnten in ein nostalgisches Heute. Wozu Stine Fischer so eigenständig singt wie guter Deutschpop von heute. (…)

Sie ist eine gute Show, die neue im Krystallpalast Varieté. Angesichts der Umstände ist sie eine großartige. Denn sie berichtet augenzwinkernd in unsicheren Zeiten von unsicheren Zeiten. (…)